Landwirtschaft

Glyphosat – Unverzichtbar oder gefährlich? 

Was ist Glyphosat?
Glyphosat ist der weltweit am meisten eingesetzte Pflanzenschutzmittelwirkstoff zur Beseitigung von unerwünschten Pflanzen (Beikräutern) in landwirtschaftlich genutzten Flächen, oft auch auf Verkehrs- oder ähnliche Flächen.

Wie wirkt Glyphosat in Pflanzen?
Pflanzen nehmen Glyphosat durch ihre Blätter und andere grüne Pflanzenteile auf. Ohne Pflanzengrün gibt es auch keine Wirkung. Glyphosat hemmt ein Pflanzenenzym, das für den Stoffwechsel der Pflanzen unverzichtbar ist. Es wirkt daher sehr breit und sicher gegen viele verschiedene Pflanzengattungen. Dieses Enzym kommt bei Tieren und beim Menschen nicht vor, daher ist der Wirkstoff für sie kaum toxisch.

Wie wird Glyphosat eingesetzt?
In Österreich wird Glyphosat zu einem Zeitpunkt eingesetzt, wo die genutzte Kultur (z.B. Mais, Zuckerrübe) noch nicht auf dem Feld vorhanden ist. Andernfalls würde auch die Nutzpflanze durch das Pflanzenschutzmittel absterben. In einigen europäischen Ländern wird Glyphosat unter Einhaltung einer definierten Wartezeit auch zwecks Vorbereitung zur Ernte auf die Nutzpflanzen aufgebracht. Diese Form der Anwendung ist in Österreich schon einige Jahre nicht mehr erlaubt.

In Ländern, wo der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen erlaubt ist, wird Glyphosat in den Nutzpflanzenbestand ausgebracht. Durch gentechnische Veränderung sind diese Pflanzen gegen das Herbizid resistent. Unkräuter sterben ab, die angebaute Kultur bleibt unversehrt. Dieses Anbausystem ist in den meisten europäischen Ländern, natürlich auch in Österreich, verboten.

Ist Glyphosat ein neues Produkt?
Glyphosat ist seit Jahrzehnten weltweit im Einsatz.

Warum ist Glyphosat gerade jetzt ein Thema?
Die europäische Union hat die Regeln zur Zulassung von Pflanzenschutzmitteln im Jahr 2009 neu geregelt. Die Zulassung von Wirkstoffen erfolgt auf europäischer Ebene, die Zulassung der daraus hergestellten Pflanzenschutzmittel (gesamte „Formulierung“ inkl. aller darin enthaltenen Zusatzstoffe) erfolgt national durch dafür zuständige öffentliche Behörden. Die Zulassung der Wirkstoffe erfolgt in dieser Systematik immer für eine begrenzte Zeit. Für den Wirkstoff Glyphosat läuft die Zulassung Mitte dieses Jahres aus. In den nächsten Wochen sollte daher über eine Verlängerung der Zulassung entschieden werden.

Ist es nicht besorgniserregend wenn Glyphosat im Urin von Menschen nachgewiesen werden kann?
Glyphosat kann im Falle einer Aufnahme in den Körper rasch wieder ausgeschieden werden. Das ist natürlich günstiger, als würde der Wirkstoff im Körper angereichert. Deutsche Analyseergebnisse mit Spuren des Wirkstoffes im Urin sind daher nicht überraschend.
Nach Einschätzung der Behörden weisen die festgestellten Glyphosatkonzentrationen im Urin jedoch nicht auf eine gesundheitlich bedenkliche Belastung von Anwendern oder Verbrauchern mit Glyphosat hin.

Ist Glyphosat krebserregend?
Die Bewertung der Risiken von Pflanzenschutzmitteln in der EU wird jeweils an einen einzelnen Mitgliedsstaat übertragen (bzw. an eine zertifizierte Behörde in diesem Land). Der Bericht ist den europäischen Behörden vorzulegen. Im Falle von Glyphosat wurde das deutsche Bundesamt für Risikobewertung (BfR) mit der Prüfung beauftragt. Das beauftragte Institut kam nach Einsicht in sämtliche vorliegenden Studien zum Ergebnis, dass nach derzeitiger wissenschaftlicher Kenntnis bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Glyphosat keine krebserregende Wirkung ausgeht. Nahezu alle Experten aus den EU Mitgliedsstaaten und die EFSA (Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde) schließen sich dieser Beurteilung an.

Verursacht Glyphosat Missbildungen?
Tierversuche ergaben, dass Glyphosat nach europäischen Bestimmungen nicht frucht- oder entwicklungsschädigend beim Säuger (einschließlich Mensch) ist. Diese Auffassung vertreten auch das Gremium Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der WHO und die US-Umweltbehörde EPA.

Warum ist die Zulassung von Glyphosat dann so ein emotionales Thema?
Eine Unterorganisation der WHO, die IARC hat den Wirkstoff Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Damit findet sich Glyphosat auf einer Stufe mit offenen Kaminen, Schichtarbeit oder dem Friseurberuf. Auch Rotes Fleisch findet sich in derselben Gefahrenkategorie wie der Wirkstoff Glyphosat.
In Kategorie 1, also gefährlicher werden Alkohol, Tabak, Holz- und Lederstaub, der Malerberuf gesalzener Fisch, UV-Strahlung oder verarbeitetes Fleisch kategorisiert. Nachdem die IARC Beurteilung große öffentliche Aufregung verursachte, hat das deutsche BfR eine nochmalige Beurteilung unter Einbeziehung der IARC-Studien vorgenommen und hat daraufhin ihre ursprüngliche Bewertung bestätigt: Glyphosat ist nicht krebserregend.
Zusätzlich muss berücksichtigt werden, dass sich die Bewertung auf den Wirkstoff bezieht und nicht auf Lebensmittel, die im Produktionsprozess damit in Kontakt kamen (was sie in Österreich nicht tun).
Ungeachtet der behördlichen Einstufung in ganz Europa bleibt Global 2000 bei seiner davon abweichenden Meinung und kampagnisiert diese mit dramatischen Bildern und Formulierungen. Angeblich wurde gegen europäische und deutsche Behörden Anzeigen seitens Global 2000 eingebracht.


Warum wird so emotional über Glyphosat gestritten und nicht über soviele andere Chemikalien des täglichen Verbrauchs?

Das dürfte wohl nur durch strategische Überlegungen zu begründen sein. Desinfektionsmittel, Lösungsmittel, Kosmetika, Haushaltsreiniger, Alkohol, Kaffee, Nikotin etc. wären bei einer Gefahrenbewertung zumeist kritischer zu beurteilen als Glyphosat. Zur Emotionalisierung des Themas sind sie aber weniger geeignet als Pflanzenschutzmittel. Zum einen trifft man bei Pflanzenschutzmittel vermeintlich nur eine kleine Gruppe an Betroffenen (Landwirte, Verwender), zum anderen ist Ernährung für jeden ein Thema und damit von Interesse.

Warum ist Glyphosat für die österreichische Landwirtschaft wichtig?
Bodenschutz, Erosionsschutz, Vermeidung von Verschlemmungen in Gebäuden und Infrastruktur, sowie die Vermeidung von Nährstoffauswaschung ins Grundwasser sind wichtige Herausforderungen. Dafür ist der Anbau flächendeckender und möglichst gut entwickelter Zwischenbegrünungen nach der Ernte der Hauptfrucht unverzichtbar. Die gewünschten Effekte sind umso stärker, je weniger die durchwurzelte Bodenschicht zwecks Anbauvorbereitung bearbeitet wird und je besser der Boden mit den Resten der Begrünung bedeckt ist. Die Bodenbedeckung und die „Lebendverbauung“ durch Wurzeln verhindern den Abtrag wertvollen Bodens durch Niederschlag oder Wind. Die positiven Auswirkungen auf wildlebende Tiere (Nahrung, Deckung) seien ebenso erwähnt.

Diese Effekte sind nur dann erzielbar, wenn ein Anbau der Folgekultur (März, April) ohne Bodenbearbeitung technisch bewältigbar ist. Ein breit wirksames Herbizid ist dafür, oft auch nur als letztes Mittel der Wahl, ein unverzichtbares Werkzeug.

Was sind die Alternativen?
•    Den Anbau von Winterbegrünungen mit den genannten ökologischen Vorteilen reduzieren
•    Die Bodenbearbeitung intensivieren, zurück zum Pflug – Erosionsgefahr, Energieverbrauch,
•    Mehrere Selektivherbizide einsetzen – ökologisch jedenfalls kein Vorteil

Wie kommt es dann zu teils unappetitlichen Medienberichten?
Man muss die Studien detaillierter und differenzierter betrachten als dies sehr oft in Medien der Fall ist. Man muss die österreichische Form der Anwendung, wo die Nutzpflanzen niemals mit dem Wirkstoff in Kontakt kommen von der Anwendung in Übersee unterscheiden, wo mit dem Präparat mehrmals jährlich die geernteten Nutzpflanzen besprüht werden (Gentechnik).
Analysen in österreichischem Getreide haben in keinem einzigen Fall einen Rückstand nachgewiesen. Das heißt österreichische Produkte sind aufgrund der konkreten Verwendung frei von Rückständen. Man muss demnach nicht nur den Wirkstoff an und für sich bewerten, sondern auch die Form der Verwendung. In anderen europäischen Ländern ist im Unterschied zu Österreich die „Sikkation“ (Spritzen zur Beschleunigung der Abreife) noch zulässig. Natürlich sind in diesem Fall auch Rückstände nachweisbar. Es ist aber auch in diesem Fall die Konzentration des Rückstands zu bewerten.
In Medienberichten wird dagegen oft alles in einen Topf geworfen ohne differenzierte Betrachtung.

Wie steht die Landwirtschaftskammer zur Zulassung?
Die gesetzlichen Regelungen zur Zulassung von Pflanzenschutzmitteln wurden in den letzten Jahren EU-weit deutlich verschärft und damit auch verteuert. Die Landwirtschaftskammer macht keine toxikologischen Bewertungen bestimmter Chemikalien, sondern vertraut auf die Prüfergebnisse der damit befassten Behörden auf europäischer und nationaler Ebene. Die Landwirtschaftskammer verlangt aber, dass Betriebsmittel nach Durchlaufen und Bestehen sämtlicher Prüfkriterien auch auf Basis dieser objektiven Ergebnisse zugelassen werden. Eine andere Vorgangsweise führt die festgelegten gesetzlichen Regelungen ad absurdum, öffnet populistischer Kampagnisierung Tür und Tor und frustriert seriös arbeitende Behörden und Institutionen ebenso wie die im internationalen Wettbewerb stehenden Bauern.